An invitation to share visions and essays on a romantic landscape of technopoetry - Interview

F T L E I V L

13. April – 10. Mai 2015

Interview

Matylda Krzykowski (Depot Basel), im Gespräch mit Raeuber & Stehler, die zur 2ten Edition vom Display Ausstellungsformat das Schaufenster im Depot Basel bespielt haben. 2014 wurde die offene Identität in Basel ins Leben gerufen. Mit der Absicht eine Plattform für kollektiv organisierte Projekte zu errichten.

“Wir nehmen was wir brauchen
und geben was wir können!
Wir sind Raeuber & Stehler.”

MK: Ihr nennt euch Raeuber & Stehler und in eurem kurzen Manifest sagt ihr, ihr dass ihr nehmt, was ihr braucht und gebt, was ihr koennt. Ich musste an die Legende von Robin Hood denken, als ich diese Passage las. Er wurde ja immer als talentiert in vielen Bereichen beschrieben, und man sagte ihm nach, dass er von den Reichen nahm und den Armen gab. Gibt es da eine Parallele?

R&S: Wir sind keine grossen Freunde von Manifesten. „Wir nehmen, was wir brauchen und geben, was wir können“, verstehen wir mehr als Slogan. Wir verbinden damit den Gedanken, dass wir uns bei jeder Form von kultureller Produktion an Bestehendem bedienen – also Dinge „entwenden”, sie uns zu eigen machen, verändern und neu zusammensetzen. Dass einem Ideen nicht einfach so zufallen und in starkem Masse vom sozialen Kontext bedingt sind, ist ja ein Gemeinplatz – in diesem Sinne agieren alle RäuberInnen und StehlerInnnen. In der Praxis aber wird selten davon geredet wo, zum Beispiel, man sich seine Inspiration herholt. Der Umgang mit Quellen und Autorschaft ist deshalb schon seit unseren Anfängen ein wichtiges Thema, über das wir viel diskutieren. Raeuber & Stehler ist ein gemeinsames Gesicht, unter dem wir als Gruppe, in unterschiedlicher Zusammensetzung, auftreten. Wir kommen alle aus verschiedenen Richtungen. So gesehen ist es nicht verfehlt, uns als „talentiert in vielen Bereichen” zu unbeschrieben. Den Vergleich mit Robin Hood finden wir dennoch schwierig. Wir sehen den Namen eher als spielerische Anlehnung an die gängigen Agentur- Studio- und Ateliernamen.

Besucher

MK: Euer Projekt ist die zweite Edition des „Display” Formats, das wir dieses Jahr im Depot Basel eingeführt haben, um eine Möglichkeit zu haben, Ausstellungen im Schaufenster 24/7 zugänglich zu machen. Ihr habt euch bei eurer Installation bewusst entschieden, sowohl etwas interaktives zu machen als auch zwei Mal zu einem „Makerspace” einzuladen. Weshalb?

R&S: Wir wollten erst keine Interaktivität, im Sinne eines Interfaces, in der Ausstellung haben, da wir der Meinung sind, dass sie genau jene Art von asymmetrischem Verhältnis zwischen NutzerIn – Maschine – AutorIn verkörpert, die wir kritisieren. Es ist in dieser Konstellation immer nur das möglich, was das automatisierte Gegenüber einem an Rollen oder Möglichkeitsspielräumen zulässt. Doch mit einer spielerischen Interaktion ist es jedoch auch machbar, die Grenze des Schaufensters, das den Übergang von einem Inneren zu einem Äusseren markiert, bis zu einem gewissen Grad aufzulösen. BesucherInnen können von Aussen ihre Spuren im Innern des Raumes hinterlassen – sie werden zu Co-AutorInnen der Ausstellung. Darüber hinaus, und das haben wir vor Ort gelernt, hilft eine solche Installation, Berührungsängste abzubauen. Man hat sofort einen gemeinsamen Bezugspunkt um ein Gespräch zu führen. Wenn wir die Türen zum Makerspace öffnen oder die Baupläne der Installationen im Internet teilen, wollen wir genau das: zu einem Gespräch einladen.

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MK: Im Depot Basel stehen zur Zeit mehrere Projekte von euch. Sowohl innen wie auch im Schaufenster. Am Abend leuchtet es förmlich; von allen Seiten; in unterschiedlichen Farben. Es ist toll zu betrachten, wie die PassantInnen an der Scheiben kleben bleiben. Koennt ihr die unterschiedlichen Projekte umreissen und den Zusammenhang zu „Technopoetry” beschreiben?

R&S: Spielereien mit Licht sind ein faszinierendes Mittel, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Am Abend leuchtet die ganze Stadt. Von überall her blinken Schaufenster, Werbeschilder und Computerbildschirme. Neben den Autos und den Lichtern aus den Wohnungen mit ihren flackernden Fernsehapparaten sind es vor allem Werbebotschaften, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Die Wirkung einer einzelnen Nachricht geht in dem ganzen Lichtrauschen förmlich unter, auch wenn sich WerberInnen und MarketingspezialistInnen um knackige Botschaften und Formate bemühen. Wir versuchen in dieses Lichtkonzert mit einzustimmen und dabei die Maximen der Werbung zu verfremden: Die Installation besteht aus Display-Anordnungen , die kryptisch sind – sie verlangen BetrachterInnen, die zuhören und zuschauen wollen. Wir möchten die Möglichkeit für eine Unterbrechung bieten, einen Moment schaffen, in dem PassantInnen vor diesem Schaufenster stehen bleiben und überrascht sind, dass diese Lichter nicht um ihre Kaufkraft werben, sondern sich jemand die Zeit genommen hat, ein Gedicht, eine Beobachtung oder eine Nachricht für sie zu schreiben. Dies ist die Wirkung von „Technopoetry”, so wie wir sie verstehen. Das Technische mit Poesie zu verbinden, liegt nahe. Die Technik ist für uns genauso wie die Poesie einMedium, in dem sich jemand mitteilen kann. Was die Sprache für den Dichter oder die Dichterin ist, sind der Programmiercode, die am Computer gezeichneten Bauteile oder die Anleitungen zum Nachbau für die TechnopoetInnen.

AEPaul

MK: Denkt an Open Source, das Teilen von Wissen, zugänglich für alle, in zehn Jahren. Denkt an 2025 und beschreibt, wo ihr euch dann seht. Ihr habt ja erst gerade angefangen; aber denkt ihr, dass es die Raeuber & Stehler dann noch geben wird? Und wenn ja: Wie? Und wo?

R&S: RäuberInnen und StehlerInnen wird es natürlich immer geben. Ob wir uns auch in zehn Jahren noch so nennen werden, wissen wir nicht. Vielleicht ist dann Raeuber & Stehler zu einem offenen Label geworden, dass von allen benutzt, verändert, entfremdet werden darf? Wir finden den Gedanken schön, dass wir zu einer grösseren on- und offline Community wachsen könnten, die sich selber organisiert.